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Oct 25, 2016

Viktor Orbáns Festrede, 23. Oktober 2016

Sonntag, 23. Oktober 2016, Budapest

Die Polen singen in ihrer Nationalhymne: „Noch ist Polen nicht verloren, solange wir leben.“ Die Ungarn antworten mit dem Nationallied: „Wir schwören auf den Gott der Ungarn, schwören, dass wir weiter keine Gefangenen sein werden.” Die polnische Legion hatte auf ihre Fahne geschrieben: „Für Eure Freiheit und die unsere.” Dies war so 1848, so war es 1956 und so ist es auch heute. Dies ist die tausendjährige Freundschaft zweier freiheitsliebender, mutiger Nationen. Ich begrüße in der Hauptstadt der Ungarn, auf dem Hauptplatz der Nation, Andrzej Duda, den Präsidenten der Polen, mit ihm gemeinsam grüßen wir das gesamte Volk Polens. Gott schütze Polen! Dankbaren Herzens begrüße ich die in unserem Kreis feiernden Sechsundfünfziger. Ich wünsche ihnen ein langes Leben! Und ich begrüße hochachtungsvoll die Freunde Ungarns, die aus 26 Ländern angereist sind. Sie sind es, die auch in jenen schweren Tagen an unserer Seite standen, sich für uns einsetzten, und heute hier mit uns feiern. Willkommen hier bei uns!

Herr Staatspräsident! Herr Parlamentspräsident! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Ungarn in der weiten Welt!

Wir senden von hier aus unsere Grüße und unsere von Herzen kommenden besten Wünsche an jeden Ungarn. Ganz gleich, wo sie in der Welt leben, Ungarn ist ihre Heimat, Budapest ist auch ihre Hauptstadt. So wie auch die leuchtende Erinnerung an den Oktober 1956 uns allen gehört. Für uns ist der 23. Oktober der Tag des Stolzes. Auch nach sechzig Jahren erhebt und reinigt er. Dies ist ein gemeinsames Erbe, das uns die Studenten, die Arbeiter von Újpest und Csepel, die Bürger von Pest und Buda, Schlosser, Lehrlinge, Ingenieure, Ärzte, Offiziere und der hingerichtete Ministerpräsident hinterlassen haben. Wir schulden ihnen dafür ewigen Dank, ewige Dankbarkeit.

Sehr geehrte feiernde Ungarn!

In Ungarn gab es nach 1956 noch vierunddreißig Jahre lang eine kommunistische Diktatur. Leben muss man. Dies ist selbst in der Diktatur das oberste Gebot. Wir leben so, wie wir können. Der Himmel hinter dem Holzzaun, schlechte Kompromisse, Sich-Verstellen, Sich-Verstecken, verstohlene Seitenblicke, verschlossene Herzen und Misstrauen. Der kalte Alltag der Diktaturen zermahlt die menschliche Würde, nach ihrem Sturz bleiben zumeist Leere, verminderte Lebenskraft und Kleinlichkeit, doch hier, in Ungarn, verdanken wir den Helden von Sechsundfünfzig gerade, dass wir selbst in den dunkelsten Jahren der ungarischen Geschichte, selbst unter der sowjetischen Besatzung etwas hatten, worauf wir stolz sein konnten. Wir sind dankbar, dass wir und jeder hiernach auf die Welt kommende Ungar nicht die Erinnerung an 45 Jahre bedrückender Dunkelheit erbt. Wir bekommen nicht die menschliche Schwäche, nicht die innerliche Spaltung mit auf den Weg, sondern den Ruhm des Mutes, der Heldenhaftigkeit und der Größe. Wir können auf unsere Vorfahren stolz sein und wir können auf unsere Heimat stolz sein. Wir, Ungarn, haben den Kommunismus und auch die sowjetische Besatzung überlebt. Heute können wir erhobenen Hauptes, in voller Kraft, als Söhne eines selbstbewussten Ungarn hier stehen. Wir haben den kommunistischen Einparteienstaat gestürzt, die Sowjets nach Hause geschickt, und unsere Heimat von den Nachwirkungen der Diktatur geheilt. Eine sich öffnende Welt, aufrechte Haltung, klare Rede, ungetrübter Blick und geöffnete Herzen. Dank und Dankbarkeit dafür, dass wir unsere Zukunft hierauf aufbauen können.

Sehr geehrte feiernde Ungarn!

Im Oktober 1956 nahm in Budapest der Gang der Geschichte eine Wendung. Statt der prophezeiten kommunistischen Weltrevolution brach die Revolution gegen die kommunistische Welt aus. Wir ließen den Westen wissen, dass die Sowjetunion verletzlich ist, und dass auf dieser Welt nur die Sterne auf den Kirchtürmen bleibend sind. Der als unerschütterlich geglaubte sowjetische Kommunismus erhielt eine derartige Wunde, von der er sich nicht mehr erholen konnte. Nach 1956 verkalkte und vergreiste er gemeinsam mit seinen Führern, und zusammen mit ihnen holte ihn schließlich auch der Teufel. Obwohl er manchmal zurückkehrt, um zu pfeifen. Niemand kann wissen, woher die Ungarn jene Kraft und die Fähigkeit haben, die aus dem Nichts erstehend, wie David mit der Schleuder, alle hundert Jahre einmal zu den größten Wundern in der Lage sind. Es mag sein, dass in uns das gleiche alte Wissen wirkt, wie vor zwei und halb tausend Jahren in den Griechen. Das Vermächtnis der alten Griechen lautet: Das Geheimnis des glücklichen Lebens ist die Freiheit, und das Geheimnis der Freiheit ist der Mut. Wir, Ungarn, besitzen das Talent zur Freiheit. Wir wussten schon immer, was wir mit ihr anfangen sollten. Wir wissen, dass die Freiheit kein Zustand ist, in den wir gelangen können, sondern eine Daseinsform. Sie ist so wie das Schwimmen: Wer damit aufhört, geht unter. Die Freiheit ist immer und überall eine einfache Frage: Entscheiden wir über unser Leben oder jemand anders?

Sehr geehrte Gedenkende!

Die Ungarn verzichten niemals auf die Freiheit, sie finden sich niemals mit ihrem Verlust ab, und sie können sie auch in der hoffnungslosesten Lage hervorzaubern. Im Herbst 1956 konnte ein jeder die Freiheit sehen. Konnte sie in ihrer vollkommenen und makellosen Schönheit sehen. Sie bewegte sich hier auf den Straßen und Plätzen Budapests, stand in der Schlange vor den Geschäften, setzte sich an die Tische der Familien, erschien in den Ämtern, auf den vom Rauch klebrigen Bahnhöfen, an den traurigen Metallpulten der Kneipen, und bei ihrer Ankunft standen die damaligen Ungarn auf, und sangen ihre Nationalhymne. Die Freiheit ist, wenn sie eine ungarische ist, selbst in ihrem Tod noch wunderbar. Und sie war ein Wunder auch in ihrem Tod, sie auferstand, obwohl man sie in ein ungekennzeichnetes Grab, mit dem Gesicht nach unten, in Teerpappe gewickelt begraben hatte, sie ist auch heute hier unter uns und versammelt uns.

Sehr geehrte Feiernde!

Wenn unsere Heimat nicht frei ist, können auch wir es nicht sein. Alleine kann man höchstens einsam sein, aber niemals frei. Die Reihe der im Nebel verschwundenen Völker mahnt uns: Wenn eine Nation ihre Unabhängigkeit aufgibt, kann sie jederzeit zu einer einfachen Nationalität zurücksinken. Gegenüber dem einverleibenden und verdauenden Appetit der Imperien kann uns nur unsere eigene nationale Unabhängigkeit schützen. Auch dem sowjetischen Reich sind wir deshalb im Hals steckengeblieben, deshalb hat es sich die Zähne an uns ausgebissen, weil wir an unseren nationalen Idealen festgehalten haben, zusammengehalten haben und unsere Liebe zur Heimat nicht aufgaben. Auch aus diesem Grunde können wir es jetzt nicht akzeptieren, dass unser gemeinsames Zuhause, die Europäische Union, zu einem modernen Reich umgewandelt werden soll; wir wollen nicht, dass an die Stelle des Bündnisses der freien europäischen Nationen die Europäischen Vereinigten Staaten treten sollen. Es ist heute die Aufgabe der freiheitsliebenden Völker Europas, Brüssel vor der Sowjetisierung zu retten, davor, dass man statt uns entscheiden will, mit wem und auf welche Weise wir in unserer eigenen Heimat zusammenleben sollen. Wir, Ungarn, wollen eine europäische Nation bleiben, und nicht eine Nationalität in Europa sein. Als Erben des Freiheitskampfes von ’56 können wir es nicht akzeptieren, dass Europa jene Wurzeln kappt, die uns einst groß gemacht und auch uns geholfen haben, die kommunistische Unterdrückung zu überleben. Es gibt kein freies, starkes, Respekt verdienendes und würdiges Europa ohne die Lebenskraft der Nationen und der zweitausend Jahre alten Weisheit des Christentums. Und wir können auch nicht tatenlos zusehen, wie unverhüllt und organisiert der Grundboden, aus dem die europäische Zivilisation erwachsen ist, ausgetauscht wird. Und wenn wir, aufgrund der Ausmaße und des Gewichts unserer Heimat, auch nicht in der Lage sein können, das Schicksal Europas zu gestalten, so müssen wir doch die Verantwortung für unser eigenes Schicksal tragen. Und wenn auch die Mehrheit Europas die Grundlagen seiner eigenen Zivilisation austauscht, seine eigenen Ideale und seine Bevölkerung austauscht und vermischt, so müssen wir in der Lage sein, ein Stück jenes Europa in der Größe Ungarns zu bewahren, das schon immer unsere Herzen erwärmt und die Ungarn begeistert hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut. Dies ist keine Tugend, die man mit der Apothekerwaage abwägen müsste; entweder mutig oder feige. Wer wir in Wirklichkeit sind, das zeigt sich, wenn die Zeit der Prüfungen kommt. In uns, Ungarn, kommen der Mut und die nüchterne Vernunft gut miteinander aus. Wir haben uns nie nach einer Rolle gesehnt, die unsere Kräfte übersteigt, und wir pflegen mit unserer Axt keine Bäume zu bearbeiten, die uns dann auf den Kopf fallen. Trotzdem – vielleicht hängt das mit der geographischen Lage zusammen – stößt uns die Geschichte alle dreißig Jahre in den Hauptstrom der Diskussionen über die Zukunft Europas. Nachdem die Russen 1956 aus Österreich hinausmarschiert waren, wollten wir den Eisernen Vorhang hinter unsere Ostgrenze verschieben, wir waren mutig, und sind mit Benzinflaschen gegen die sowjetischen Panzer angegangen. 1989 mussten wir die Grenze öffnen, damit der Deutsche den Weg zum Deutschen findet, wir waren mutig, und haben es getan, auch wenn die sowjetischen Truppen noch hier stationiert waren. Und jetzt, 2015-16, müssen wir die Grenze schließen, um die vom Süden aus heranströmende Völkerwanderung aufzuhalten, wir waren mutig, und haben weder den Drohungen noch der Erpressung nachgegeben. Wir haben kein einziges Mal um die Aufgabe gebeten, die Geschichte hat sie mit sich gebracht, das Schicksal hat sie uns zugemessen. Wir haben nur so viel getan, dass wir nicht davongelaufen, nicht zurückgewichen sind, nur unsere Pflicht erfüllt haben. Wir stehen auch dann unseren Mann, wenn uns jene von hinten attackieren, die wir in Wirklichkeit beschützen. Wir haben den Mut, der Ungerechtigkeit ins Auge zu blicken. Auf ungarischem Boden enthebt die Ungerechtigkeit nicht von der Pflichterfüllung, deshalb kann Europa immer mit uns rechnen.

Sehr geehrte feiernde Polen und Ungarn!

Ich wünsche uns, dass wir nie zu einem feigen Volk werden. Ein feiges Volk besitzt keine Heimat. Dramatische Situationen, starke Gegner, hohe Einsätze wird es immer geben, doch ist dies kein Grund dafür, der Angst Raum zu geben, damit sie sich unserer bemächtigt: Den Terroristen, die der westlichen Welt den Krieg erklärt haben; den Profiteuren des Elends, die hunderttausende von Menschen, die sich nach einem besseren Schicksal sehnen, nach Europa auf den Weg schicken; den hilfsbereiten und naiven Seelen, die nicht einmal ahnen, in was für eine endgültige Gefahr sie Europa und mit ihm auch sich selbst bringen. Wenn Du unter zwei Wegen wählen kannst, dann wähle den schwierigeren, dies ist die erste Regel des Mutes. Die moderne Welt leidet, weil sie all dies vergessen hat; Europa wählt heute lieber das billigere, das dünnere, das bequemere. Statt der eigenen Kinder die Einwanderer, statt der Arbeit die Spekulation, statt des disziplinierten Lebens die Verschuldung. Wir, Ungarn, sind auf dem schwierigeren Weg losgegangen: Wir haben statt der Einwanderer die eigenen Kinder, statt der Spekulation und der Sozialhilfe die Arbeit, statt der Zinsknechtschaft das auf den Eigenen-Beinen-Stehen, statt den erhobenen Händen den Schutz der Grenze gewählt.

Sehr geehrte Sechsundfünfziger, liebe Feiernden!

Es gibt keinen Sieg ohne das Erheben der Herzen, auch ’56 hätte es ihn nicht gegeben. Dies hat die Feigen mutig gemacht, die zuvor Misstrauischen einander zugewendet, hat Tatkraft an Stelle der ohnmächtigen Erstarrung gebracht, und dort Einheit, nationale Einheit erschaffen, wo es zuvor Auseinandersetzung, klassenkämpferische Hetze, vergiftete Brunnen und die auseinanderfallende Nation gab.

Meine Freunde!

Doch sind die Übermacht der politischen Kraft, die Parlamentsmehrheit und selbst die neue Verfassung vergebens, weil all dies notwendig, aber nicht ausreichend ist. Auch jetzt kann es keinen Sieg ohne das Erheben der Herzen, ohne das seelische Erwachen Ungarns und der Ungarn geben. Vor uns leuchtet das große Beispiel von ’56. Wer Augen zum Sehen hat, der sieht, und wer Ohren zum Hören hat, der hört die tausendjährige Wahrheit: In den Hauptdingen Einheit, in anderen Freiheit und in allen Liebe.

Ruhm den Mutigen! Vorwärts Ungarn!