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Sep 21, 2016

Viktor Orbáns Rede zum 15. Jahrestag des Bestehens der Deutschsprachigen Andrássy Universität Budapest

Budapest, den 15. September 2016

Ich wünsche Ihnen einen guten Tag!

Nun ja, in einem abenteuerlichen Leben ist Platz für die Gründung vieler Dinge, selbst die einer Universität.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ich begrüße Sie alle mit Hochachtung, den Herrn Rektor, die Herren Ministerpräsidenten, die Herren Botschafter, die verehrten Lehrkräfte der Universität, und vielleicht kann ich auch die uns lauschenden Studierenden begrüßen. Dass eine deutschsprachige Universität unbedingt notwendig ist, ist schon nach meinen ersten beiden Sätzen offensichtlich, denn mit unseren historischen Traditionen, die hinter uns liegen, ist es offenkundig keine natürliche Sache, dass gerade der amtierende Ministerpräsident nicht deutsch spricht. Und solange sich dieser Zustand nicht verändert, und wir nicht dahin gelangen, dass der ungarische Ministerpräsident neben dem Englischen auch das Deutsche spricht, solange werden wir ganz gewiss eine deutschsprachige Universität benötigen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Selbstverständlich freue ich mich, dass Sie hier zu der heutigen Feier Persönlichkeiten großen Kalibers eingeladen haben, und hierbei habe ich in erster Linie nicht an Herrn Minister Zoltán Balog und an mich gedacht, sondern vielmehr an unsere Gäste, die aus dem deutschen Sprachraum zu uns gekommen sind. Vielleicht muss ich Herrn Professor Oplatka als ersten begrüßen, denn über ihn weiß sicherlich jeder, der hier sitzt, dass er ein hervorragender Journalist ist, doch wir, die wir unser Leben in der Politik leben, können in ihm auch den Verfasser eines sehr wichtigen Buches ehren, denn er hat die sehr wichtige, mit dem Systemwechsel und der Frage der Grenzöffnung zusammenhängende Forschungsarbeit vielleicht am umfassendsten durchgeführt. Und darüber hinaus hat er uns auch mit einer Széchenyi-Monographie beschert, die ich das Glück hatte zu lesen und die ich ruhig jedem meiner Kollegen, meinen ungarischen Kollegen als Pflichtlektüre empfehlen kann.

Wenn Sie erlauben, möchte ich auch kurz etwas über die beiden Herren Ministerpräsidenten sagen, die hier mit uns sind. Einerseits muss ich über sie sprechen, um unseren Dank für ihre einstige Großzügigkeit zum Ausdruck zu bringen, denn diese Universität hätte nicht entstehen können, wenn damals in drei Ländern – in Baden-Württemberg, im Freistaat Bayern und in Österreich – nicht großzügige Personen die damaligen Regierungen angeführt hätten. Vermutlich war der Beginn der 2000er-Jahre finanziell leichter als es heute in der Welt der Fall ist, aber glauben Sie mir, auch damals war es nicht leicht, die Wähler in Österreich oder Deutschland akzeptieren zu lassen, dass die Steuerzahler dafür Geld geben sollten, in Ungarn eine deutschsprachige Universität zu gründen. Trotzdem: Als der Gedanke formuliert wurde, waren die Herren Ministerpräsidenten großzügig und nahmen die politische Arbeit auf sich, die mit der Überzeugung der Wähler einherging, also dass es sehr wohl Sinn macht – und dies auch andere einsehen können – in Ungarn eine deutschsprachige Universität zu gründen. Also bedanken wir uns recht herzlich bei beiden für ihre Großzügigkeit! Vergessen wir nicht, dass damals hierzu auch Mut notwendig war. Heute erinnern wir uns an all das nicht mehr, aber wenn ich schon als Gründer hierher eingeladen worden bin, an das Podium, dann kann es passieren, dass ich meine geschriebene Rede gar nicht mehr werde vortragen können, sondern nur noch Zeit für die Erinnerungen bleibt, doch erlauben Sie mir als Gründervater, mich daran zurückzuerinnern, dass es damals auch des Mutes bedurfte, denn damals war Herr Schüssel Österreichs Bundeskanzler, und Sie können sich daran erinnern, dass Österreich damals gerade von dem Versuch betroffen war, isoliert zu werden. Denn Österreich war damals den Fesseln der großen Koalition entwichen und erschuf eine andere politische Konstruktion, weshalb unter der Leitung der europäischen Linken ein sehr schwerwiegender Feldzug zur Bestrafung gegen Österreich geführt wurde. Bei den gröbsten diplomatischen Äußerungen ein vollständiger Versuch zur Isolierung. Trotzdem: Damals besaßen die beiden Herren Ministerpräsidenten so viel Mut, wenn wir jetzt gerade nicht an diesem Ereignis teilnehmen würden, dann würde ich sagen, soviel Mumm, dass sie dachten, wir müssen uns an die Seite Österreichs stellen, und Österreich dachte, dass seine Teilnahme an solch einer gemeinsamen Unternehmung trotz der internationalen Angriffe begründet und natürlich ist. Ich bin natürlich beiden Herren Ministerpräsidenten, die unter uns sind, auch persönlich dankbar.

Als die Universität zustande kam, galt ich als jüngsten Ministerpräsidenten Europas. Dies ist schon so lange her und steht dem heutigen Eindruck derart entgegen, dass dies niemand mehr glaubt, aber so war es, und im Alter von 35 Jahren versucht man von den Fachleuten möglichst viel zu lernen. Und ich habe von beiden auch über die Großzügigkeit hinaus sehr viel gelernt. Und jetzt denke ich nicht nur an jene geistigen Talente und jene geistige Wegzehrung, die mir beide Herren Ministerpräsidenten über das christliche Europa, über die jeweilige Geschichte Europas, über die richtigen geopolitischen Richtungen Europas gelehrt haben beziehungsweise damals all jenen übergeben haben, die ihnen zuhörten – so auch mir –,ich konnte mir von ihnen aber auch Wissen im Zusammenhang mit dem Beruf aneignen. Auch hieran möchte ich erinnern. Von Herrn Ministerpräsident Stoiber habe ich gelernt – und dies pflegt er manchmal auch zur Sprache zu bringen, wenn wir uns begegnen, und ich befürchte, er hat auch Grund dazu; er sagt immer –, dass ein Ministerpräsident niemals erschöpft sein darf. Und die Wahrheit ist, dass wenn es in Europa einen Ministerpräsidenten gab, der niemals erschöpft war, so war dies zweifelsohne Herr Ministerpräsident Stoiber.

Und natürlich habe ich auch von dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs etwas gelernt, denn von ihm konnte man lernen, dass ein guter Ministerpräsident niemals eilt. So etwas, dass wir keine Zeit haben, etwas zu überdenken, zu überblicken, gibt es nicht, und ich habe diesen Rat angenommen, dass wenn man plötzlich etwas vorgesetzt bekommt, dass man das jetzt gleich unterschreiben muss, dann ist eine Sache sicher: Man darf das nicht einmal versehentlich unterschreiben. Denn es gibt für alles genügend Zeit, es muss für alles genügend Zeit geben und man muss alles genau durchdenken. Das war die Wegzehrung, die wir alle von Herrn Ministerpräsidenten Teufel auf den Weg bekamen. Dies ist nicht so einfach, wie Sie sich das vorstellen, denn in unserer Welt sind das Drängen, die Hast, die Eile, die Hektik, der Druck eine ständige Konstante. Hier gelassen, geduldig und besonnen zu bleiben, erfordert eine zusätzliche Fähigkeit.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wenn wir schon über die beiden Ministerpräsidenten gesprochen haben, die so höflich waren, uns zu beehrte, sollten wir auch über einen dritten Sprechen, der persönlich nicht anwesend ist, aber unserer Universität seinen Namen gab. Es lohnt sich auch deshalb, über ihn zu sprechen, weil wir das ihn darstellende Reiterstandbild auch gerade in diesen Tagen eingeweiht haben, und bei dieser Feier konnte man einige Gedanken hören, die es wert sind, an unserem 15. Jubiläum in Erinnerung gerufen zu werden. Zunächst ist es wichtig, in Erinnerung zu rufen, dass diese Universität einen Namensgeber besitzt, der auf eine einzigartige Sache in der universalen Politikgeschichte verweisen kann. Denn so etwas hat es schon überall gegeben, und in Ungarn ist es häufig geschehen, dass man zuerst gehenkt wurde, und später hat man ein Denkmal bekommen, aber dass jemand zuerst gehenkt und danach Ministerpräsident wird und ihm danach ein Denkmal gesetzt wird, dies kann nur Andrássy über sich selbst behaupten. Für jene, die als Gast die ungarische Geschichte weniger gut kennen, sei gesagt, dass er nach 1849 gehenkt wurde, zum Tode verurteilt und auch symbolisch gehenkt, später dann nach dem Ausgleich wurde er Ministerpräsident. Dies ist eine Reihenfolge, auf die außer ihm niemand verweisen kann, und das gesamte mitteleuropäische Paradigma kommt in seinem Leben schön zum Ausdruck, deshalb glaube ich, es ist richtig, dass wir an der Feier der nach ihm benannten Universität hier gemeinsam teilnehmen. Aber jetzt, da wir sein Reiterstandbild eingeweiht haben, hatten wir die Möglichkeit, uns ein bisschen auch in seiner Biographie zu vertiefen. Ich würde auch einige Gedanken von ihm – insgesamt drei – vorlesen, an die die ungarische Politik und die später an der Politik teilnehmenden Intellektuelle erziehenden Institutionen erinnern sollten. Er hat den Satz begründet, der meiner Ansicht nach bis auf den heutigen Tag die gültige Basis der ungarischen Sicherheitspolitik ist, der da lautet: „Es ist immer besser damit zu rechnen, dass man uns nicht schaden kann, als damit, dass man uns nicht schaden will.“ Er sagte auch, nachdem er auch die großen Bauarbeiten in Budapest geleitet hatte: „Ich kenne kein historisches Beispiel, dass eine Nation jemals infolge des Aufbaus kaputtgegangen wäre. Dafür jedoch kenne ich Beispiele, dass bestimmte Staaten ihre gesamte politische Bedeutung verloren haben und kein anderer Wert nach ihnen zurückblieb, als jene Gebäude, die sie durch ihre monumentalen Schöpfungen hervorbrachten.“ Und das Wichtigste, was die Ungarn wissen sollten, und – so hoffe ich – den Geist der Universität bestimmt: „Eine Nation beginnt oft damit, dass sie sich für groß hält und niemand diese ihre Meinung teilt. Später kommt die Zeit, in der sie auch andere für groß halten, jedoch habe ich dafür, dass eine Nation, die sich selber nicht vertraute, und für groß gehalten worden wäre, noch nie ein Beispiel gesehen.“

Nun, meine sehr geehrten Damen und Herren!

Mit diesen Gedanken haben wir uns also an den Namensgeber unserer Universität erinnert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Hiernach erlauben Sie mir, Péter Esterházy in Erinnerung zu rufen, den wir ruhig als einen eingesessenen mitteleuropäischen, ungarischen Schriftsteller bezeichnen können. In einem seiner Romane schrieb er über die Donau, dass es einen großen Unterschied zwischen Wasser und Fluss gebe, denn den Fluss unterscheide vom Wasser, dass der Fluss eine Erinnerung, eine Vergangenheit und eine Geschichte habe. Und als wir diese Universität geschaffen haben, haben wir dies als Ministerpräsidenten der an der Donau lebenden Völker getan, das heißt, unsere Überzeugung war, dass die Erinnerung der an den Ufern der Donau Lebenden dann gut funktioniert, wenn sie sich nicht nur von Donaueschingen bis Passau, von Linz bis Wien, oder von Dunakiliti bis Mohács erstreckt, sondern die Erinnerung der an den Ufern der Donau Lebenden funktioniert dann gut, wenn sie vom Schwarzwald an ganz bis zum Schwarzen Meer alles beinhaltet. Unsere Universität versucht auch dies zum Ausdruck zu bringen. Der Rhein, der Main und das Donautal sind zusammen mit dem Kanal, der sie verbindet, das Herz Europas. Herr Bundeskanzler Kohl wusste dies und hat hieran auch oft erinnert. Unserer Überzeugung nach ist dies eine organische politische, wirtschaftliche und kulturelle Einheit, die nicht nur für die auf ihrem eigenen Gebiet lebenden Bürger in der Lage ist, Wohlstand zu schaffen, sondern auch den sie umgebenden weiteren Regionen große Impulse liefert.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Das Tal der Donau, der Gedanke, der zur Gründung dieser Universität führte, hat über Jahrhunderte hinweg für die Ungarn zweierlei Dinge bedeutet. Das Tal der Donau bedeutete das zum westlichen bürgerlichen Denken, zur Kultur und Wertordnung führende Tor und bedeutete jene Route des Aufmarsches, entlang derer sich vorwärts bewegend das damals aktuelle islamische Kalifat über uns hinwegstapfend nach Europa eilte. Erst mit dem Ende der türkischen Zeit konnte erneut jenes alte System der Beziehungen wieder erstarken, durch das wir, Ungarn, kontinuierlich die Schwingungen der deutschen Literatur, Philosophie, Musik und Malerei wahrnehmen konnten.

Sehr geehrte Ungarn!

Es stellt für uns keine Schwierigkeit dar, zuzugeben, dass aus dem deutschen Sprachgebiet und mit deutscher Vermittlung die Reformation, die Aufklärung und auch die Romantik zu uns gekommen sind, und was den wichtigsten Verbindungspunkt darstellte: Nach den Türkenkriegen erschienen in dem entvölkerten Landesteil jene schwäbischen Siedlungen, deren Nachkommen sich nicht nur in der Erschaffung ungarischer kultureller Werte auszeichneten, sondern auch zu herausragenden Gestalten unserer Kämpfe um die Freiheit Ungarns wurden. Dank gebührt hierfür Deutschland!

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Die ungarische und die deutsche Kultur waren über eine lange Zeit organisch miteinander verbunden. Zu Recht können wir annehmen, dass wir ohne Goethe vielleicht auch keinen Madách gehabt hätten, so wie wir auch zu Recht meinen können, dass ohne die deutschen Universitäten auch die ungarische Wissenschaft nicht jene Höhen erreicht hätte, an denen sie einst angelangt war. Diese organische Verbindung ist aber nach dem Zweiten Weltkrieg unterbrochen worden. Dies hatte zwei Gründe. Der erste Grund, der zum Bruch führte, war die Aussiedlung der Ungarndeutschen. Daraus können wir die Lehre ziehen, dass die ungarische Politik auf keinerlei moralischer, rassischer Basis oder Klassengrundlage, weder mittelbar noch unmittelbar Lösungen unterstützen darf, die zur Aus- und Ansiedlung, zur Verelendung oder Ausplünderung von Menschen führt. Diese Erkenntnis ist auch heute die Richtlinie unserer Politik. Es gab einen anderen Grund, wegen dem die organische Verbindung aufhörte zu existieren, dass nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen mit Deutschland auch Mitteleuropa zerrissen wurde, der Rest des ungarischen Bürgertums lebte über Jahrzehnte auf die Weise hinter dem Eisernen Vorhang, dass es vollständig von dem Entwicklungsprozess abgeschnitten war, der damals den Westen charakterisierte.

Und hier sind wir an einem wichtigen Ausgangspunkt unserer heutigen Debatten angekommen. Denn hieraus ergibt sich dann, hieraus können wir die Lehre ziehen, dass jenes System der Beziehungen, das vor dem Zweiten Weltkrieg fehlerlos funktionierte, aufgrund der langen Zerrissenheit nach dem Systemwechsel hätte wieder zusammenwachsen müssen, was meiner Ansicht nach auch geglückt ist, doch konnte es nicht ohne Spuren zusammenwachsen. Und dies bedeutet, dass wir uns heute in einer Situation befinden, in der die westliche multikulturelle europäische Elite – gegenwärtig zumindest – verständnislos auf die Länder blickt, deren Bürger über Jahrzehnte unter dem Kommunismus für ihren Glauben, ihre nationale Existenz gekämpft haben, denn nach Ansicht der Multikulturellen vertreten sie auf der gegenwärtigen politischen Bühne der Union eine Variante der europäischen bürgerlichen Lebensform des alten Typs und beobachten ohne Verständnis, dass diese der Europäischen Union beigetretene Welt zu der Idee der „ever closer union“ nicht applaudiert. Sie beobachtet verständnislos, dass es einige Länder gibt, darunter auch Ungarn, die nicht glauben, die Lösung für alle unsere Probleme seien die Maßnahmen, der Wahlspruch oder das Programm des „noch mehr Europa“. Es gibt also eine Meinungsverschiedenheit innerhalb der Union, und dies führt auch heute oft zu ernsthaften Diskussionen. Besonders dann, wenn es um die Familie, die Migration, die Verankerung des Christentums in der Verfassung oder gerade um den Islam geht. Diese Diskussionen sind offensichtlich. Sie sind derart offensichtlich, dass man vielleicht auch zu einem festlichen Anlass über sie sprechen darf, denn hier folgt Ihre Verantwortung, hier kommt die Verantwortung der Intellektuellen, weil wir die Frage stellen müssen: Wenn dies die Lage ist, was kann man dann tun?

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wir haben hierauf vor fünfzehn Jahren eine gute Antwort gegeben: In solch einer Lage muss man eine Universität gründen, zum Beispiel. In solch einer Lage muss man der Intelligenz Raum geben, damit sie hervortreten kann und im Rahmen sinnvoller Debatten die tieferen Ursachen der jetzt bestehenden politischen Diskussionen zu enträtseln versucht. In solch einer Lage muss eine neue Generation erzogen werden, die das Problem versteht und es als ihre Berufung ansieht, diese Unterschiede und die daraus entspringenden Folgerungen in den kommenden Jahrzehnten ihrer eigenen Nation durchzusetzen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Wir vier haben also damals eine Universität gegründet, die dazu berufen war, das frühere Bündnis zwischen der deutschen und der ungarischen Kultur wiederherzustellen. Meiner Ansicht nach ist diese gleiche Universität heute dazu berufen, die Existenzberechtigung unseres christlichen, nationalen und europäischen Standpunktes zu beweisen, und gerade indem sie dies auf intellektuelle Weise beweist, kann sie die Giftzähne der hier erwähnten Meinungsverschiedenheiten ziehen.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es gibt hier noch einen anderen Umstand, den ich zur Sprache bringen möchte. Denn wenn es stimmt, dass heute die Andrássy-Universität die gemeinsame Schnittmenge der deutschen und der ungarischen Kultur sowie der Wissenschaft ist, dann müssen die Augen der Universität auch dafür geöffnet sein, dass wir eine weitere historische Wasserscheide erreicht haben. Dies ist ein weiteres Argument, um die Leiter und die Studenten der Universität zum Denken zu ermuntern, denn an jeder historischen Wasserscheide heißt der wichtigste Leitsatz: Haben wir Mut zum Denken. Haben wir Mut, die alten Schemata wegzulassen, haben wir Mut, die neuen Fragen zu stellen, und haben wir Mut, die gestellten Fragen auf eine neue Weise zu beantworten. In unserem Beruf, meine sehr geehrten Damen und Herren, in der Politik ist es so, dass es Zeiten gibt, in denen weniger Denken notwendig ist – dies sind die glücklichen Friedenszeiten –, und es gibt solche, in denen mehr Denken von Nöten ist. Die Situation ist die, dass in der europäischen Politik heute nicht weniger, sondern mehr Denken notwendig ist, weil wir uns Herausforderungen gegenübersehen, die wir früher nicht gekannt hatten und es heute vielleicht langsam allen offensichtlich geworden ist, dass wir auf die alte Weise unsere neuen Probleme nicht lösen können. Folgerichtig muss man nachdenken, und als Ergebnis dessen muss man sich erneuern. Dies ist die Aufgabe, die vor Europa steht. Wenn es nicht in der Lage ist, diese zu bewältigen, und dies geht nicht nur die Politiker an, wie ich also gesagt habe, wenn Europa diese Aufgabe nicht bewältigen kann, dann hat es keine Chance, jene Position zu bewahren, die es sich im Laufe von vielen hundert Jahren in der globalen Politik erkämpft hat.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es ist offensichtlich, dass wir mit dieser Arbeit nicht auf andere warten können. Wir können nicht erwarten, dass andere für uns dies lösen sollen. Vielmehr besteht die Notwendigkeit dessen, dass die europäischen Universitäten eine neue europäische Intelligenz erziehen, und ich hoffe, dass die Andrássy-Universität den hiervon auf sie entfallenden Teil der Aufgabe auch annimmt und dabei hilft, dass eine neue europäische Elite entsteht, die zugleich der Vergangenheit und der Zukunft Europas verpflichtet ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Ihre Arbeit kann auch noch dadurch befördert werden, dass wir sehen können, dass auf der Bühne der internationalen Politik auch das Bündnis von Deutschland und Ungarn erneuert werden muss. Wir finden uns in neuen Situationen wieder, wir diskutieren viel miteinander, wir hören mehr über die in der – sagen wir – Migrantenfrage bestehende deutsch-ungarische Meinungsverschiedenheit als über jene übereinstimmenden Interessen, die uns alle, sowohl Deutsche als auch Ungarn, zur Aufrechterhaltung der rationalen europäischen Wirtschaftspolitik veranlassen. Es ist meine Überzeugung, dass die auf die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit, auf die Einhaltung der monetären Disziplin aufbauende Wirtschaftspolitik, die ein deutsches Modell ist, und dessen Übernahme uns hier in Mitteleuropa erfolgreich gemacht hat, einen Wert darstellt, den wir bewahren und schützen müssen. Sodass die Erneuerung der deutsch-ungarischen Zusammenarbeit nicht nur in bilateraler, in deutsch-ungarischer Dimension eine dringende Aufgabe darstellt, sondern auch in gesamteuropäischem Maßstab. Ich hoffe, dass auch dies in absehbarer Zeit geschieht.

Meine sehr geehrten Damen und Herren!

Es kann also die Berufung dieser Universität sein, den europäischen Nationen Menschen zu geben, die durch ihre Heimat etwas für Europa tun möchten. Ich bin davon überzeugt, Sie machen Ihre Arbeit dann gut, wenn Sie hier echte Patrioten erziehen: Deutsche, Ungarn, Slowaken, Tschechen und Polen, die nicht in einem nicht existierenden, bloß vorgestellten europäischen Volk aufgehen, sondern Ungarn, Tschechen, Polen, Slowaken und Deutsche bleiben und daran glauben, dass sie mit der Stärkung ihrer eigenen Identität den Zusammenhalt der europäischen Völker verstärken und der Sache des gemeinsamen Europa dienen können. Wir brauchen eine Generation, die genau weiß, dass es Fragen gibt, in denen wir mehr Europa benötigen, und es auch jene gibt, in denen mehr Nationalstaat notwendig ist, wenn wir unsere Probleme beheben wollen.

In der Hoffnung, dass die Universität dieser ihrer Berufung entsprechen wird, möchte ich Ihnen zu den vergangenen fünfzehn Jahren gratulieren. Ich danke Ihnen für jene Arbeit, die Sie hier in den vergangenen fünfzehn Jahren geleistet haben. Ich danke dafür den Leitern der Universität, ich danke dafür den Studenten und ich danke dafür auch dem technischen Personal, die es ermöglicht haben, dass Sie ihre Arbeit unter solchen Bedingungen verrichten können. Wir sind stolz auf Sie, wir gratulieren zu den vergangenen fünfzehn Jahren und wünschen ähnlich erfolgreiche weitere fünfzehn Jahre!